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Papa Roach CD Kritiken The Paramour Sessions
  The Paramour Sessions

Uncle Sallys
Munichx

Uncle Sallys Kritik

Papa Roach haben plötzlich den Rock entdeckt. Und die Achtziger. Und Haarspray. Jacoby Shaddix jedenfalls - der Frontmann formerly known as Coby Dick - sieht jetzt aus wie der junge Alice Cooper und das Musikvideo zur ersten Single 'To Be Loved' strotzt nur so vor Leder und Feuer. Aber: So befremdlich manch einer die Wandlung der ehemaligen (unfreiwilligen) Helden des Nu-Metal finden mag, so gut tut sie der Band auch - das letzte Album 'Getting Away With Murder' war trotz einiger guter Songs schnell vergessen, eine Neuorientierung dringend nötig. Das Ergebnis dieses Prozesses trägt viel Glam und Hard-Rock in sich (Guns'n'Roses, frühe Bon Jovi und die Hellacopters lassen grüßen), ist aber vor allem endlich wieder eine mitreißende Scheibe geworden. An manchen Stellen bricht sich zwar der alte und mittlerweile zu oft gehörte US-Radiosound eine Bahn, erfreulich rotzige und zudem auch noch ungemein hymnische Poser-Riff-Nummern wie etwa 'Alive' oder 'I Devise My Own Demise' entschädigen dafür aber voll und ganz. 7

Text: Tito Wiesner

 

Munichx Kritik/Artikel

Da ist sie wieder, die wild gewordenen Kakerlakenbande! "lovehatetragedy" heisst ihr überaus druckvolles neues Album, auf dem mal wieder fette Grooves und moppelige Gitarren eine tragende Rolle spielen. Produziert hat es im übrigen Tonmeister-Legende Brenden O`Brien, der ja auch schon für Pearl Jam und Rage Against The Machine an den Reglern saß. Die Könige des NuMetals sind erwachsener geworden, ihre fantastischen Hooks sind noch prägnanter als in der Vergangenheit.

Die Paramour Mansion in den Hollywood Hills ist ein überaus geschichtsträchtiger Ort.

Im Jahr 1933 war die wohlhabende Öl-Erbin Daisy Canfield gerade auf dem Weg nach Hause, als ihr Auto außer Kontrolle geriet, über die Abgrenzung des Mulholland Drive hinausschoss und in eine 100 Meter tiefe Schlucht stürzte. Die Gattin des Stummfilm-Stars Antonio Moreno war auf der Stelle tot. In den folgenden Dekaden wurde das einstige Anwesen des Hollywood-Paars zunächst in eine Mädchenschule umfunktioniert, wurde dann temporär als Kloster genutzt, bis schließlich der Verfall des Gebäudes Überhand nahm und das einst so strahlende Haus gänzlich aufgegeben wurde. Ein Erdbeben im Jahr 1987 sollte die Villa dann vollständig verwüsten. Gut zehn Jahre später wieder aufgepäppelt, ist die renovierte Paramour Mansion heute ein renommiertes Aufnahmestudio, in dem u.a. H.I.M. und Gwen Stefani aufgenommen haben. Erst kürzlich wurde hier die US-amerikanische „Rock Star“-Realityshow abgedreht.

Zwischen zwei Staffeln besagter „Rock Star“-Show waren schließlich auch Papa Roach die vorübergehenden Mieter des geschichtsträchtigen Hauses –, hier haben sie diejenigen Songs geschrieben und aufgenommen, die nunmehr als „The Paramour Sessions“ veröffentlicht werden. „Wir wollten unsere Ruhe haben, und entschlossen uns daher, in die Paramour Mansion zu ziehen. Wir brauchten einen Ort, an dem man sich konzentrieren kann und nicht andauernd mit der Außenwelt konfrontiert wird“, berichtet der Schlagzeuger von Papa Roach, Dave Buckner. Anfangs jedoch hatten die vier Bandmitglieder noch keinen blassen Schimmer von den weitreichenden Konsequenzen, die dieser Entschluss haben würde.

„Wir zogen also in die Villa, und unser einziger Plan war, die schonungsloseste, fieseste Platte überhaupt aufzunehmen“, fügt Sänger Jacoby Shaddix hinzu. „Als wir aber schließlich eingezogen waren, bemerkten wir schon bald, dass das Gebäude eine Aura hat, die stärker war als unsere Pläne. Schon bei der ersten Jam-Session wurde uns klar, dass etwas ganz Außergewöhnliches, etwas völlig Unerwartetes abging. Noch nie zuvor hatten wir sechs, sieben Stunden am Stück Musik gemacht – hier aber konnten wir nicht anders! Wir mussten einfach alle Kreativ-Schleusen aufreißen und loslegen!“

Die Resultate dieses zügellosen Kreativprozesses – es sei dahingestellt, ob sie nun die Ergebnisse der Band, oder aber die indirekten Auswirkungen einer unsichtbaren Kraft sind – sind auf „The Paramour Sessions“ vereint. Es handelt sich dabei um das insgesamt fünfte Album von Papa Roach, ihr zweites für Geffen Records. „Gemeinsam in diesem Haus zu leben war das Beste, was uns hätte passieren können“, erzählt der Gitarrist Jerry Horton. „Es war in vielerlei Hinsicht gut für uns: Die Art und Weise, wie wir Songs schreiben, wurde absolut von dem ungewohnten Ort beeinflusst. Dazu kommt, dass wir uns hier musikalisch und auch geistig viel besser aufeinander einlassen konnten. Die Aura der Paramour Mansion hat unserer Kreativität zu immer neuen Höhenflügen verholfen. Insofern hatte das Gebäude einen riesigen Einfluss auf unsere Songs, aber auch auf unsere Herangehensweise überhaupt – wir werden auf diese Erfahrungen auch in Zukunft zurückgreifen.“ Shaddix führt weiter aus: „Dieser Ballsaal, in dem wir aufgenommen hatten, in dem musste man einfach größere, massivere Songs schreiben, Songs mit offeneren Akkord-Strukturen. Irgendetwas ist in diesem Haus passiert, das wir unbedingt mit den Leuten teilen wollten. Also war unser neues Ziel, in den Songs ein ebenso großes Gefühl zu transportieren, wie wir es während der Sessions in der Mansion verspürt haben.“

Die erste Single des kommenden Albums, „...To Be Loved“, eröffnet „The Paramour Sessions“ mit einem Donnerschlag, wenn Papa Roach zunächst zu ihren genrefreien Wurzeln zurückkehren und das Stück kurz darauf zu einem regelrechten Rock’n’roll-Strudel umgestalten, der direkt an ihr Vorgängeralbum „Getting Away With Murder“ anknüpft. Bereits in diesem ersten Stück trifft überdimensionaler Arena-Rock auf ungezügelten Punk-Spirit und sofort süchtigmachende Mitsing-Hooks, womit zugleich die Ausrichtung des bis dato ansteckendsten P-Roach-Albums aufgezeigt wird... Sicher, das ist ein deutliches Statement, besonders wenn man bedenkt, dass Papa Roach inzwischen weit über 10 Millionen Alben verkauft haben und schon seit geraumer Zeit zu den erfolgreichsten Rockbands der Welt zählen.

„Jedes neue Album versuchen wir ohne Regeln, ohne Grenzen anzugehen“, berichtet Tobin Esperance, der neben seiner Tätigkeit am Bass auch massig Gitarrensaiten für das neue Album bearbeitet hat. „Wir machen einfach immer nur das, was sich im jeweiligen Moment gerade richtig anfühlt, und ich glaube, dass man diesen Ansatz auch in unseren Alben raushören kann. Wir sind nun mal ein Rockband mit diversen Einflüssen.“ Shaddix ergänzt: „Unser zentrales Anliegen ist dabei das Schreiben von Songs. Songs, die einen – ganz egal, ob durch Text oder Melodie – zum Mitsingen bewegen. Wir haben schon immer versucht, unseren Weg zwischen Metal, Hardcore, Punkrock und Pop zu finden. Und wir setzen weiterhin alles daran, diese Gratwanderung stilsicher hinzubekommen. Es geht uns nicht um harte Sounds, die einfach nur brachial klingen, sondern um harten Shit, der sich beim Zuhörer im Ohr festsetzt, um harte Songs, die man mitsingen will, weil eben noch ein Quäntchen Pop mit im Spiel ist.“

Und doch sollte man keinesfalls denken, dass man es hier mit einem poppigen Blumenfest zu tun hat, denn „The Paramour Sessions“ stellt zugleich ein dunkles und zum Teil sogar quälendes Kapitel in der Geschichte von Papa Roach dar. „Wir waren als Band zur Zeit der Aufnahmen gerade sehr launisch, weil wir jede Menge mit uns rumschleppten. Persönliche Dinge“, setzt Shaddix an. „Darum werden auch so viele unterschiedliche Gefühle auf dem Album artikuliert: Es geht um Liebe, es geht um knallharte Gewalt, um Sex, Drogen und um Rock’n’roll, dann geht es um Ängste, aber auch um unglaubliche Stärke... Jeden nur erdenklichen Gemütszustand, den man als Gruppe von Menschen haben kann, haben wir an irgendeinem Punkt in diesem Haus erlebt. Wir haben geweint, uns gestritten, es gab schlaflose Nächte – und manchmal wussten wir gar nicht mehr so recht, wer wir eigentlich sind. So verrückt diese Zeit auch war: Ich bin mir sicher, dass dieser Prozess, diese Erlebnisse, in denen wir uns selbst verloren und schließlich wiedergefunden haben, das Beste waren, was uns persönlich hätte passieren können. Am Ende der Sessions war uns klar, dass wir verdammt noch mal abhauen müssen, sonst wären wir noch komplett verrückt geworden.“

Eins steht also fest: Es gab haufenweise durchgeknallte Momente in der Zeit. Und die vier Roaches haben es vollbracht, diese Erlebnisse zu einem absolut schlüssigen Album zu verknüpfen. Ob es sich nun um die druckvolle Gitarren-Attacke handelt, die sich hinter dem Namen „Alive“ verbirgt, oder aber um die unfassbare Ekstase, die „Crash“ bereithält; um den allumfassenden Ambient-Sog von „Forever“ oder aber die üppige Soundlandschaft und den unglaublich massiven Chorus von „The World Around You“ bzw. die epische Instrumentierung von „Roses On My Grave“, dem Abschluss-Track des Albums – jeder der 13 Songs zerberstet förmlich vor Energie klingt noch lange Zeit nach.

„Jedes Album, das wir aufgenommen haben, reflektiert unser Lebensgefühl zu derjenigen Zeit. Das gilt sowohl persönlich als auch musikalisch, und bei diesem Album ist es nicht anders“, berichtet Buckner. „Das Anwesen war so oder so ein heimgesuchter Ort, was für mich eine Art Einladung war, sich mal so richtig gehen zu lassen, seinen Kopf zu verlieren und nicht an Morgen zu denken. Und genau das ist dann auch passiert. Ich wurde zwischenzeitlich von surrealen Wesen heimgesucht, hatte körperlosen Sex mit den Geistern des alten Hollywood, habe gelernt, Gespenster zu sehen. Dazu kommt, dass ich jetzt weiß, wie es sich anfühlt, wenn dein Körper von einem Geist durchquert wird. Das war in der Tat eine sehr erleuchtende, eine sehr inspirierende Erfahrung. Und es ist ein Punkt, den ich nun endlich von meiner Liste abhaken kann.“

„Es gab Phasen, in denen ich mit meinen Texten einfach nicht weiterkam. Ich ging dann immer runter an Daisys Grab, schließlich ist sie direkt im Garten beerdigt worden. Und dann schrieb ich das auf, was mir an ihrer Ruhestätte einfiel“, erinnert sich Shaddix. „Vor ihrem Grabstein stehend habe ich zum Beispiel `Forever´ geschrieben, und `My Heart Is A Fist´ ist auch so ein Fall. Ich musste einfach nur über das Grundstück gehen, und schon kamen mir die Texte zugeflogen. Außerdem suchte ich nach Textideen unter den Steinen, im Rausch oder in der Meditation.“

„Letztlich war es so, dass wir uns auf diesem Album allesamt unseren Ängsten stellen mussten“, berichtet der Sänger weiterhin. „Wir mussten uns darauf vorbereiten, unseren Fans auf ein Neues gegenüber zu treten, in die Welt zu ziehen, und wir mussten etwas machen, auf das wir im Nachhinein stolz sein können. Als wir die Platte abgeschlossen hatten, wurde uns dann klar, dass wir genau dieses Ziel damit erfüllt hatten.“ „Es war eine unglaublich verrückte, eine wahnsinnig intensive Zeit, und das hört man auch wiederholt auf dem Album raus“, fasst Esperance die Paramour-Erfahrung zusammen. „Es ist eine sehr ehrliche und sehr direkte Platte geworden – sie ist genau das, was Papa Roach als Band sein wollen.“

„Früher habe ich mir wiederholt zum Ziel gesetzt, einen bleibenden Eindruck in der Welt des Rock zu hinterlassen. Ich war regelrecht besessen von dieser Idee. Heute allerdings ist das vorbei“, berichtet Buckner abschließend, „ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist. Schließlich rocken wir heute. Im Hier und Jetzt, und das ist, was zählt.“

So wurde ein weiteres Kapitel der Geschichte des Paramour Anwesens geschrieben.

—Paul Gargano, August 2006

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